Hundetraining

Vorsicht, bissiger Hund: Wie sich Postboten in Acht nehmen können – Nürnberg


Eigentlich wollen sie nur kurz einen Brief oder ein Paket zustellen. Doch nicht selten sehen sich Postboten mit Vierbeinern konfrontiert, die im schlimmsten Fall sogar zubeißen. Wie sich die Zusteller verhalten können, um möglichst schadlos zu bleiben, erfuhren sie bei einem speziellen Hundetraining.

Postboten und Hunde gelten nicht gerade als die besten Freunde. Was für Außenstehende wie ein Klischee aus einem Comic klingt, kann für Betroffene schnell bitterer Ernst werden. Eine Erfahrung, die auch Alexandra Serno machen musste. Die Zustellerin wurde auf ihrer Runde kürzlich von einem Vierbeiner gebissen. Umso bemerkenswerter, dass sie nur drei Wochen nach dem traumatischen Erlebnis an einem Hundetraining der Deutschen Post teilnimmt.

„Ich hatte vorher keine Angst vor Hunden“, sagt die 51-Jährige. Im Gegenteil: „Ich habe sogar welche ausgeführt.“ Doch bei einer alltäglichen Tour passierte es: Der Vierbeiner eines Post-Kunden attackierte sie. Der Hundehalter war bei dem Vorfall sogar dabei. Seitdem hat sich Sernos Einstellung gegenüber dem angeblich besten Freund des Menschen verändert. Das Hundetraining, von dem sie durch Zufall von ihrem Chef erfahren habe, möchte sie nutzen, damit sich ihre Angst nicht verfestigt und sie wieder ohne größere Bedenken zustellen kann.

Zu viele Erfahrungen

Bei der Übungseinheit im Briefzentrum der Post in Langwasser wird schnell deutlich, wie sehr das Thema Hunde die Belegschaft beschäftigt. Als Kursleiter Johann Fruth, ein öffentlich bestellter und beeidigter Sachverständiger für das Verhalten von Hunden, in die Runde fragt, wer bereits negative Erfahrungen mit Vierbeinern gemacht habe, angekläfft oder sogar gebissen worden sei, gehen viele Hände nach oben. Mal ging das Aufeinandertreffen vergleichsweise glimpflich aus, mal waren die Verletzungen so massiv, dass zwei Wochen Bettruhe nötig wurden.

Kursleiter Johann Fruth (in der Mitte) verriet den Postbotinnen und Postboten, worauf sie achten müssen, wenn sie bei der Arbeit plötzlich mit Hunden konfrontiert werden.

© Eduard Weigert, ARC

Die Post hat in erster Linie die Sicherheit ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Blick. Dass sie inzwischen flächendeckend Hundetrainings anbietet, hat aber auch monetäre Gründe. Laut Fruth verzeichnet das Logistikunternehmen 1500 bis 1800 Hundebisse – pro Jahr! Die Kosten für einen Tag Arbeitsausfall eines Zustellers belaufen sich demnach auf etwa 500 Euro. In zwei Wochen kämen rund 5000 Euro zusammen – Behandlungskosten noch gar nicht eingerechnet.

Alexandra Serno erhält schon bald ihre Bewährungsprobe. Fruth bittet sie, eine Szene zu spielen, die Postboten tagtäglich erleben. Kaum klingelt sie, ist lautes Gebell zu hören. Wenn Bewohner nun die Türe öffnen, können Hunde hinausspringen und im schlimmsten Fall Zusteller anfallen und beißen. Diesmal passiert freilich nichts. Fruth hält seinen Malinois Rock, einen zehneinhalb Jahre alten belgischen Schäferhund, zurück. Um sich bei einer klassischen Situation wie dieser zu schützen, rät der 60-Jährige, einen Moment lang an der Tür zu ziehen, wenn sie der Bewohner öffnen möchte – oder den Fuß davorzustellen, falls die Tür nach außen aufgeht.

„Wir müssen den Hund lesen“

Warum aber gibt es überhaupt so oft Probleme zwischen Mensch und Tier? „Die Gabe zu beobachten, ist uns leider abhandengekommen“, sagt Fruth und betont: „Wir müssen den Hund lesen.“ Die Vierbeiner selbst würden ganz genau beobachten, wie es auf einem Hof zugeht. Generell gebe es klare Anzeichen für die Stimmung eines Hundes: Fletscht er die Zähne, droht er. „Wenn die Rute oben steht, ist Feuer unterm Dach“, warnt Fruth. Auch hier empfiehlt sich, auf Abstand zu gehen.

Der Sachverständige zeigt ein Video, in dem ein Hund zwischen zwei Personen sitzt. Für den Laien ist schwer zu erkennen, in welcher Gemütslage sich das Tier gerade befindet. Für den Profi dagegen ist sofort klar, was gleich passieren wird. Ehe sich der Mann zur linken Seite des Vierbeiners versieht, beißt ihm der Schäferhund ins Gesicht.

Flirten kann helfen

„Es gibt Hunde, die sind auf Krawall gebürstet“, stellt der Experte klar, doch er hat auch gute Nachrichten: „Die Hälfte der Hunde lässt sich entschärfen.“ Hilfreich sei es, einen innigen Blickkontakt aufzunehmen – und am besten die Tonlage so zu wählen, wie wenn die Oma mit ihrem Enkel spricht. „Auf die Flirtstrategie fahren sehr viele Hunde ab.“ Auf diese Weise könnten die Tiere lernen: „Kommt die Frau in gelber Uniform, ist mein Glückstag.“

Lockdown beschert der Post Rekord-Werte beim Versand von Briefen und Paketen

Blieben noch die übrigen 50 Prozent. Wenn flirten nichts bringt, heißt es oftmals lieber Rückzug. Hier sollten Postboten kein Risiko eingehen – und womöglich gar nicht erst aus dem Fahrzeug aussteigen. „Die Mutigen sterben jung“, sagt Fruth nur halb im Scherz. Oftmals sind es die Halter selbst, die ihren Hunden unbedacht falsche Signale aussenden und die Zusteller dadurch erst in Gefahr bringen. Corona hat die Situation insgesamt weiter erschwert. Schließlich haben sich viele Menschen in Zeiten von Lockdown und Ausgangssperre einen oder gleich mehrere Vierbeiner angeschafft.

Sollten Zusteller vorsichtshalber ein paar Leckerli dabeihaben? Keine gute Idee, wie Fruth erklärt: „Hunde entwickeln eine Anspruchshaltung.“ Wenn der Postbote wiederkommt, wollen sie sofort wieder etwas haben. Er rät daher, lieber gar nicht erst mit dem Futter anzufangen. Besser sei es, mit Hundehaltern einen Zeitraum zu vereinbaren, an dem sie ihre Vierbeiner wegsperren.

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Fest steht: Die Postboten müssen sich niemals selbst in Gefahr bringen. „Sie sollten sich auf keine Diskussion einlassen“, rät Fruth, auch wenn sie sich von Haltern Sprüche anhören müssen, dass der Hund doch nichts tue, die Kollegen nicht so ängstlich seien und sie sich doch bitte nicht so haben sollen.

Pfefferspray dabei

Der Sachverständige rät den Postboten, für den Notfall ein Pfefferspray parat zu haben. Zwar sind einige Kursteilnehmer skeptisch, laut der Rechtsprechung ist der Besitz und das Führen aber unter drei Bedingungen erlaubt: Das Spray muss als Tierabwehrspray deklariert sein. Der Bereithaltegrund muss eine Tierabwehr im Notfall darstellen und die Reichweite darf nicht über zwei Metern liegen. „Jeder Biss ist eine Straftat“, betont Fruth. Landet die Angelegenheit vor Gericht, hat nahezu immer der Hundehalter das Nachsehen.

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