Hundetraining

Ense: Herdenschutzhunde von Christian Schäfer wollen nur ihren Job machen

Sie wollen kein Hundetraining und keinen Gassigang. Herdenschutzhunde wollen vor allem eins: ihren Job machen. Wir haben Christian Schäfer in Ense besucht.

Ense-Gerlingen – Christian Schäfer ist Schäfer im Nebenerwerb und hat sich für die vierbeinigen Bodyguards für seine Schafe entschieden. „Ich liebe meine Tiere und ein Schäfer schützt seine Herde“, erklärt der Schafzüchter seine Motivation für die Haltung dieser speziellen Hunde.

Vor gut zwei Jahren tagte der Rat der Familie in Gerlingen, die die Schafzucht als „lieb gewonnenes, aber zeitintensives Hobby“ seit 40 Jahren betreibt. Das Thema „Wolf“ gewinnt unter Schafzüchtern immer mehr an Bedeutung. Schnell war die Entscheidung für Asko, Bobby und Kalle gefallen.

Großer Aufwand

„Man muss ja nicht erst reagieren, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist“, hat er einen hohen finanziellen Aufwand für Hunde und Zäune geschultert. In den hiesigen Breitengraden gäbe es keine Landeszuschüsse, weil hier kein Wolfsgebiet ist, weiß er. „Erst Ende letzten Jahres sind Schafe in Balve gerissen worden, das ist nur gute 30 Kilometer von hier entfernt“. Am 28. November 2020 verzeichnete das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW in Balve im Märkischen Kreis einen Nutztierriss mit vier toten Schafen. Wölfe legen des Nachts viele Kilometer zurück, führt er aus.

„Der Leidtragende ist der Wolf“, geht Schäfer auf die Diskrepanz zwischen moderner Zivilisation und dem wild lebenden Raubtier ein. Er formuliert seine hohe Akzeptanz in die von der Natur gegebenen Instinkte des „Lupus“, die aber in der Nutztierhaltung zum Problem werden. Deshalb sind jetzt die Pyrenäenberghunde in Gerlingen zu Hause. „Ein Herdenschutzhund gehört nicht auf die Couch“, geht Schäfer auf den speziellen Charakter der Tiere ein. Bei der Ausbildung sei „Geduld, Geduld und nochmal Geduld“ gefragt. „Mit Druck erreicht man höchstens das Gegenteil“, werde ein solcher Hund sich sperren oder im schlimmsten Fall sogar gegen den Halter richten.

Ein typisches Bild: Bobby, ein Pyrenäenberghund, bewacht seine Herde und stellt sich zwischen sie und den fremden Besucher.

© Uta Müller

Dabei berichtet er, dass seine Bewacher, obwohl gleicher Rasse, auch unterschiedliche Charaktere haben. „Kalle ist eher der entspannte, ruhige, während Bobby schnell reagiert“. Asko sei der Jungspund unter ihnen, der noch lernt. „Wenn ein Herdenschutzhund zeigt, es geht rechts rum, dann geht man rechts herum“ weiß auch Nadine Alex vom Tierheim in Soest über die charakterstarken Hunde zu berichten. „Diese Hunde machen schnell klar, was sie von ihren Menschen erwarten“, so die stellvertretende Tierheimleiterin. Sie seien keine klassischen Familienhunde, vielmehr man müsse mit ihnen arbeiten.

Was auch Natalie Plagemann vom Verein Viva la Hund unterstreicht: „Diese Hunde müssen aufpassen dürfen, sie gehören nicht in die Stadt“. Der Tierschutz-Verein engagiert sich seit über 20 Jahren im europäischen Ausland, versucht, ins Tierheim gelangte Hunde und gelegentlich auch Katzen in ein neues Zuhause in Deutschland zu vermitteln. Sie schildert, dass dort im Vergleich zu Deutschland mehr Herdenschutzhunde „arbeiten“, sei es bei Herden oder der Bewachung von Orangenhainen. Deshalb ist für den Verein der ländliche Raum ein Kriterium bei der Vermittlung.

Diese Hunde machen schnell klar, was sie von ihren Menschen erwarten.

Nadine Alex, Tierheim Soest

„Wir sind da sehr vorsichtig“, brauche es nicht nur Hundesachverstand, sondern auch Rassenverständnis. Die im Werler Ortsteil Hilbeck wohnende Vorsitzende schaut bei diesen Herdenschutzhunden noch genauer hin, Vermittlungen seien selten und dauerten oft lange. Die erfahrene Hundetrainerin ergänzt, „dass nicht viele Interessenten in die engere Wahl kommen“, weil man eben Wert darauf legt, Familienanschluss und rassetypische Eigenschaften in Einklang zu bringen.

Dieses Hinweisschild warnt Passanten.

© Uta Müller

„Wir sehen keinen Herdenschutzhund als Schrottplatzaufpasser oder als zu unterschätzenden Hund auf dem Sofa“. In den Tierheimen von Großstädten wie zum Beispiel Gelsenkirchen tauchten mittlerweile vermehrt Kangals, eine türkische Herdenschutzhund-Rasse, auf, beobachtet Nadine Alex, stellvertretende Leiterin vom Tierheim Soest.

Halbes Jahr Gewöhnungszeit

Christian Schäfer hat gut ein halbes Jahr gebraucht, um Hunde und Schafe aneinander zu gewöhnen. Intensive Vorbereitungen waren für ihn selbstverständlich. Er hat sich Tipps von einem befreundeten Berufsschäfer geholt. Seit dem bewachen die drei Pyrenäenberghunde Tag und Nacht die Schafe und bleiben bei ihnen auf der Weide. Auch wenn die Herde auf ein vom Hof weiter entferntes Gelände gebracht wird, bleiben sie bei ihnen. „Sonst hätte ich keine ruhige Nacht mehr.“ Ihre Selbstständigkeit lässt sie entscheiden, wann Gefahr droht. Das gelte auch, wenn sich fremde Menschen zu nah am Zaun bewegten. Was nicht mit aggressivem Verhalten gleichzusetzen ist, wird der Hund im Normalfall nur verbellen. Deshalb hat der Gerlinger Schilder am Zaun angebracht, die aufklären, dass hier ein Hund seinen Job tut und nicht mit den Maßstäben gängiger Hunderassen zu messen ist. Ein Herdenschutzhund tobt ebenso gern oder lässt sich kraulen. Aber eben nur mit seinen ihm bekannten Artverwandten oder seinem Halter.

Diese Hunde darf man nicht mit den Hütehunden verwechseln, die den Schäfer beim Hüten begleiten. Dazu gibt es im Hause Schäfer noch einen Border Collie, der den Schäfer beim Umzug der Herde auf eine andere Weide unterstützt. Erst dann folgen die Herdenschutzhunde ausschließlich für den Schutz gegen Raubtiere, die für die Schafe zur Gefahr werden können.

Das zeichnet einen Herdenschutzhund aus

Herdenschutzhunde sind meist große, kräftige Hunde, die Schutztrieb und Selbstständigkeit tief in den Genen verankert haben. Im Normalfall bewachen sie ohne „ihren“ Menschen selbstständig die Herde. Ein äußeres Merkmal dieser Rassen ist die „Wamme“, auffallend viel Haut und Fell an Kehle und Brust. Diese Hunde sehen oft aus, als hätten sie ihren Fellmantel eine Nummer zu groß gekauft. Dabei spielt auch die starke Unterwolle des Fells eine Rolle, die es ihnen ermöglicht, bei jedem Wetter bei der Herde zu bleiben, ohne gesundheitlichen Schaden zu nehmen.

Wer einen Herdenschutzhund beobachtet, wird oft das Abschreiten seines Reviers/Geländes sehen. Ruht er gerade noch selig, reicht das kleinste Geräusch, um ihn in Sekunden zum lautstarken Bewacher werden zu lassen. Auch diese Hunde können „Sitz, Platz und Bleib“ lernen, werden es aber nur dann ausführen, wenn das Vertrauen in den Halter durch Konsequenz und immer gleiche Reaktionen auf Situationen gewachsen ist. Wenn er meint, das müsste gerade nicht sein, kann er etwas stoisch ignorieren, werden die Kommandos an ihm abprallen. Dafür wird er aber auf, in seinem Sinne, Gefahren für seine Herde sofort reagieren.

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